Prager Burg

Die Prager Burg (tschechisch: Pražský hrad) bildet das größte geschlossene Burgareal der Welt und liegt auf dem Berg Hradschin in der tschechischen Hauptstadt Prag. Sie wurde im 9. Jahrhundert gegründet und hat seither ihr Aussehen stark verändert: Generationen von Baumeistern verschiedener Baustile waren daran beteiligt, die einzelnen Etappen der Geschichte hinterließen ihre Spuren.

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Die Funktion der Burg – Sitz des Staatsoberhauptes – blieb aber stets die gleiche. Heute ist sie offizielle Residenz des Präsidenten der Tschechischen Republik. Inmitten der Burganlage befindet sich der Veitsdom.

 

Geschichte und Baugeschichte der Prager Burg

 

Einleitende Bemerkungen zur Begrifflichkeit

Die eigentliche Burg (hrad), der geschützte Wohnsitz des Herrschers, umfasste das Areal am Hradschiner Bergsporn von seinem Ostende – der so genannten Opyš – bis zu einem natürlichen Graben, der im frühen Mittelalter die Anhöhe an der Stelle des heutigen Eingangstores quer teilte. Der zentrale Teil der Burg wird in der Forschung als Akropolis bezeichnet. An die frühmittelalterliche Hauptburg schloss sich im Westen die Vorburg (předhradí) an. Der ebenfalls dicht besiedelte und zur Burg gehörende Raum der heutigen Prager Kleinseite wird Suburbium (podhradí) genannt.

Die Entwicklung der Prager Burg im Früh- und Hochmittelalter kann auf Grund archäologischer Befunde und Funde nach den Hauptetappen des Aufbaus der Befestigung in vier Phasen A–C, vom 9. bis zum 12. Jahrhundert, unterteilt werden. In der dritten Phase wurden jedoch lediglich verschiedene, nicht unbedingt gleichzeitige Umbauten der Befestigung B1 aus der zweiten Phase vorgenommen, weshalb diese als B2-Bx bezeichnet werden.

 

Die Anfänge der Burg im 9. Jahrhundert – erste Phase (A)

Die älteste schriftliche Erwähnung der Prager Burg ist die Nachricht über die Gründung der St.-Marien-Kirche durch den ersten historisch belegten Přemyslidenfürsten Bořivoj noch vor dem Jahr 885. Der zentrale und östliche Teil des Bergsporns war jedoch bereits vor dem Aufbau der ältesten Holz-Erde-Befestigung und dem Einsetzen der schriftlichen Quellen am Ende des 9. Jahrhunderts besiedelt und durch einen quer über den Sporn verlaufenden, über 4 m breiten Graben befestigt, der unter dem Nordteil der späteren quer verlaufenden Hauptbefestigung erhalten blieb. Wahrscheinlich wurde der Graben von einem Zaun begleitet. Zum natürlichen Schutz des Bergsporns gehörten seine Abhänge, die vermutlich durch eine einfache Holzbefestigung, zum Beispiel eine Palisade, begleitet wurden, sowie eine quer verlaufende Schlucht an der Stelle des heutigen Eingangs in das Burgareal. Die älteste Siedlungsphase, die spätestens in der Mitte des 9. Jahrhunderts einsetzte, wurde durch den Aufbau der Holz-Erde-Mauer spätestens in den ersten zwei Jahrzehnten des 10. Jahrhunderts (vor 908-917) beendet.

In dieser Phase ist auch die St.-Marien-Kirche gegründet worden, die westlich der Hauptbefestigung wiederentdeckt wurde. Eine direkte Beziehung zwischen der Befestigung und der Kirche ist allerdings archäologisch nicht nachgewiesen.

 

Die erste bekannte Burgmauer aus der Zeit um 900 – zweite Phase (B1)

Bei einem ersten großangelegten Umbau wurde eine Holz-Erde-Mauer, das heißt eine 5 und 6 m breite, mit Lehm gefüllte Rostkonstruktion, mit einer steinernen Frontblende errichtet, die an mehreren Stellen der Burg ausgegraben werden konnte. Dieser Konstruktionstyp war im Gebiet des Großmährischen Reiches und in der gleichen Zeit oder später auch in Böhmen bekannt; darüber hinaus jedoch an der gesamten östlichen Flanke des Fränkischen Reiches, das heißt auch in Mitteldeutschland und Nordostbayern verbreitet gewesen. Anders als zunächst von Borkovský und anderen Archäologen angenommen, handelt es sich nicht um eine leichtere Befestigung zwischen der Hauptburg und der als westliche Vorburg bezeichneten Fläche, sondern der Ausbau der Mauer bedeutete eine grundlegende Veränderung der Přemyslidenresidenz. Die Balken in der Frontmauer aus Eichenholz wurden nach den dendrochronologischen Analysen in einem Intervall zwischen der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts und dem ersten Drittel des 10. Jahrhunderts, spätestens aber im Jahr 917, gefällt und verbaut.

Damit kann man den Aufbau der mächtigen Befestigung hypothetisch noch mit Bořivoj in Beziehung setzen (das heißt vor 890). Wahrscheinlicher war es aber sein Nachfolger Spytihněv (895-915), der die Burg zu dem mittelböhmischen Zentrum der Přemysliden ausgebaut hat. Einen Einfluss könnten die Beziehungen zum Großmährischen Reich beziehungsweise unmittelbar Svatopluks großmährisches Intermezzo (890-894) ausgeübt haben.

Noch heute wird häufig davon ausgegangen, dass vor dem Bau der Prager Burg die Burg Levý Hradec eine zentrale Funktion besessen hätte und sie als direkter Vorgänger der Prager Burg in Bezug auf die Residenzfunktion zu betrachten ist. Nach den neuesten archäologischen Untersuchungen und Aufarbeitungen der Altfunde beider Burgen muss dies jedoch in Frage gestellt werden, so dass die Prager Burg wahrscheinlich von Beginn an das Zentrum der Přemyslidenherrschaft war.

 

Weitere Kirchenbauten im 10. Jahrhundert

Der zweite Kirchenbau ist die vor 920 von Fürst Vratislav I. (915-921) gestiftete St.-Georgs-Basilika (Bazilika svatého Jiří) im Ostteil der Burg. Als dritter Sakralbau entstand vielleicht auf Anregung des Fürsten Wenzel I. (921-935) zu Anfang der 930er Jahre die St.-Veits-Rotunde. Die Gründungen der beiden bedeutenden kirchliche Institutionen in den beiden Teilen des zentralen Areals gehört wahrscheinlich noch zu der Burgbefestigung aus der Zeit um 900.

 

Der Umbau der Befestigung vor 1055 – dritte Phase (B2–Bx)

Weitere schriftliche Nachrichten zur Befestigung der Burg liegen dann erst wieder für die Zeit der Regierung Břetislav I. vor 1055 vor.

An einigen Stellen unter dem Nordtrakt, III. Burghof und Alten Königspalast konnten verschiedene Umbauphasen der Burgbefestigung festgestellt werden. Die jüngere Mauer war wesentlich breiter (bis zu 12 m) und in der Konstruktion variabler, zumeist aber ebenfalls als Holz-Erde-Mauer oder einer ihr ähnlichen Konstruktion ausgeprägt. Auffällig ist jedoch die Verwendung einer größeren Menge von Steinen im Mauerkörper. Am Nordhang des Bergsporns fand man einen 650 cm breiten steinernen Mauerkörper ohne andere Konstruktionselemente. Der Wechsel der Bauform der jüngeren Mauer auf dem Nordhang zu einer komplett in Stein aufgeführten Trockenmauer ist so deutlich, dass es sich vermutlich nicht nur um eine lokale Veränderung, sondern um einen größeren Umbau handelt. Auf dem Südhang ist solch eine Steinmauer nicht nachgewiesen. Für die jüngere Befestigung am Südhang hat man die in situ gefundenen Hölzer dendrochronologisch in die 890er Jahre bis in das erste Drittel des 10. Jahrhunderts datiert; das jüngste Holz wurde nach 921 gefällt. Von den bereits bei früheren archäologischen Untersuchungen geborgenen und aufbewahrten Hölzern aus diesem Kontext datiert das jüngste nach 939. Gerade bei diesen Hölzern waren jedoch die jüngsten Jahresringe nicht mehr erhalten, so dass das letztendliche Fälldatum der Bäume auch etwas später liegen kann. Die jüngeren Ausbauten, insbesondere die steinerne Mauer, können daher hypothetisch mit einem umfangreicheren Umbauplan verbunden und dieser wiederum mit der Nachricht über eine umfangreiche Rekonstruktion der Befestigung noch vor 1055 in Verbindung gebracht werden.

 

Die Verlegung des Herrschersitzes auf den Vyšehrad

Der Fürst und erste böhmische König Vratislav II. verlegte um 1070 seine Residenz von der Prager Burg auf den Vyšehrad, wahrscheinlich auf Grund von Machtstreitigkeiten mit seinem Bruder Bischof Jaromír. Die Burg blieb jedoch weiterhin Sitz der Bischöfe von Prag.

 

Der romanische Umbau unter Soběslav I. nach 1135 – vierte Phase (C)

Ein groß angelegter romanischer Umbau zu einer Steinburg erfolgte unter der Regierung Soběslavs I. im Jahr 1135 parallel zu einem Ausbau des Vyšehrads. Wahrscheinlich kehrte bereits Soběslav am Ende seiner Herrschaft wieder auf die Prager Burg zurück, spätestens aber sein Nachfolger Vladislav II. (1140–1172). In diese Zeit fällt insbesondere die Errichtung einer 3 m breiten Quadersteinmauer. Entsprechend wurde diese in der Forschung zumeist mit den Namen romanische Mauer (románská hradba) oder Soběslaver Mauer (soběslavská hradba) belegt.

 

Der Ausbau der Burg unter Karl IV. in der Mitte des 14. Jahrhunderts

1303 war die Burg durch einen verheerenden Großbrand zerstört worden und die Königsresidenz blieb ungenutzt. Mit dem Antritt der Luxemburger auf dem böhmischen Königsthron begann 1310 eine neue bedeutende Etappe in der Geschichte der Burg. Noch während der Regierungszeit seines Vaters Johann des Blinden ließ Karl IV. die Burg im Jahr 1333 wiederaufbauen. Zunächst wurde der Königspalast erneut umgestaltet. Elf Jahre später wurde auf sein Bemühen hin das Bistum Prag zum Erzbistum erhoben. Daraufhin begann 1344 der Neubau der St.-Veits-Kathedrale (chrám Svatého Víta).

Bereits unter seinem Sohn Wenzel IV. erlosch das Interesse an der Burg wieder. Dieser ließ sich am östlichen Ausgang der Altstadt einen neuen Königshof erbauen, in den er 1383 übersiedelte und der bis 1484 als Residenz der böhmischen Herrscher diente. Südlich der Zeltnergasse (Celetná) stand unweit auch der Palast der Königin. Eine weitere kleine gotische Burg für Wenzel IV. entstand ab 1380 auf einem Bergvorsprung über dem Moldauufer westlich der Pfarrkirche St. Wenzel von Zderaz (Kostel sv. Václava na Zderaze) in der Prager Neustadt. Eine dritte von mehreren Burgen des Königs war die heute ebenfalls im Prager Stadtgebiet liegende Burg Nový hrad u Kunratic (deutsch auch Burg Wenzelstein).

 

Die Burg in der Spätgotik und der Renaissance

Nach dem Aussterben der Luxemburger und einem kurzen Habsburgischen Intermezzo traten die Jagiellonen, die schon die polnischen Könige stellten und bald darauf auch den ungarischen Königsthron gewinnen sollten, deren Erbe an. Unter Vladislav I. Jagiello, seit 1471 König von Böhmen und ab 1490 auch von Ungarn, hielt die Renaissance Einzug in Mitteleuropa. Die Burg wurde ausgebaut und der Hof siedelte ein Jahr nach dem Prager Volksaufstand von 1483 vom Königshof in der Altstadt in die Burg zurück.

Von 1490/1493 bis 1502 errichtete der Baumeister Benedikt Ried den Wladislawsaal, den wohl bedeutendsten Saalbau der Renaissance nördlich der Alpen. Er wurde auf den hochmittelalterlichen Saal des Königspalastes aufgesetzt und das romanische Erdgeschoss somit zum zweiten Untergeschoss (Keller) degradiert. Es handelt sich um eine reizvolle Mischung aus Renaissanceteilen und spätgotischen Elementen wie dem aufwendigen Rippengewölbe, das einen gewaltigen Raum überspannt. Mit diesem Gewölbe wird die Schwere des Raumes aufgehoben und der Raumcharakter wird zu einer spielerischen Leichtigkeit in der Formgebung umgestaltet. Solche Schlingrippen finden in Europa weite Verbreitung und sind in dessen Folge auch in der Pfarrkirche Weistrach zu finden. Des Weiteren besteht die Prager Burg aus Portalen und außerordentlich großen Fenstern mit Renaissanceprofilen, die zu den frühesten Beispielen nördlich der Alpen gehören (inschriftlich auf 1493 datiert). Vergleichbar ist nur der wesentlich jüngere Saalbau der Münchner Residenz (1568–71), das sogenannte Antiquarium.

Die letzte mittelalterliche Blütezeit hielt bis zu dem Tod seines Sohnes Ludwig II. 1526 an. 1541 wurde die Burg erneut bei einem Großbrand zerstört.

Dreißigjähriger Krieg

Im Ludwigsflügel aus dem 16. Jahrhundert befindet sich der Raum, aus dessen Fenstern die Statthalter des Kaisers Ferdinand II. 1618 geworfen wurden. Dieser Zweite Prager Fenstersturz markierte den Beginn des Aufstands der böhmischen Protestanten gegen die katholischen Habsburger und wird oft als Anfang des Dreißigjährigen Krieges bezeichnet. 400 Jahre war das Schloss nun eines der Machtzentren der Habsburger.

 

Das 18. und 19. Jahrhundert

Der Eingangshof wurde 1753 bis 1775 von Nicolo Pacassi für Maria Theresia neu erbaut. Im 19. Jahrhundert lebte Kaiser Ferdinand I. hier, nachdem er 1848 die Regierung an seinen Neffen Franz Joseph abgegeben hatte. Zu anderen Zeiten fungierte der Kaiserpalast als Kaserne.

 

Die Prager Burg im 20. Jahrhundert

Nach 1919 wurde die Burg zum Sitz des Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik umgebaut, wobei die Niveaus der Burghöfe und deren Pflasterung verändert wurden. Im Auftrag von Präsident Tomáš Garrigue Masaryk war der bedeutende slowenische Architekt Josef Plečnik Leiter der Adaptierungs- und Umgestaltungsarbeiten.

In diesem Zusammenhang kam es 1925–1929 zu den ersten systematischen mittelalterarchäologischen Untersuchungen in Böhmen durch K. Fiala und Karel Guth. Die Ausgrabungen wurden ab den 1930er Jahren durch Ivan Borkovský fortgesetzt. Rettungsgrabungen in den 1980er und 1990er Jahren unter der Leitung von Jan Frolík erbrachten neue Erkenntnisse und führten zur Ergänzung der bisherigen Vorstellungen über die Anfänge und Entwicklung des frühmittelalterlichen Befestigungssystems und oft auch zu ihrer Revision. In den letzten Jahren konnte die Bearbeitung der seit 1925 laufenden Ausgrabungen durch ein Team von Archäologen intensiviert werden.

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